Medizin und Kunst

Aktuelle Ausstellung: Karolin Back seit 15. November 2020

Karolin Back

Karolin Back wurde 1980 in Stuttgart geboren. Sie studierte bis 2013 Kunst an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach am Main. Davor arbeitete sie als freie Fotografin und Fotoassistentin in Hamburg, absolvierte eine Schreinerlehre und einen Werkstudiengang zur Gestalterin im Handwerk. Seit 2008 hatte Karolin Back zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen unter anderem in Frankfurt, Hamburg, Berlin, New York. Mexiko City, Nicosia und Tallinn. Sie erhielt für Ihre Arbeit mehrere Stipendien und Preise.

Durch die tiefgreifende Veränderung der Fotografie in Folge der Digitalisierung findet ein intensives Nachdenken und Umdenken dessen statt, was unter Fotografie verstanden werden kann. Karolin Back reagiert darauf mit Fotografien, die sich durch ein gesteigertes Interesse an Materialität und Objekthaftigkeit auszeichnen und versuchen ihre Zweidimensionalität zu überwinden.

Sozusagen

Karolin Back ist keine Fotografin. Zwar arbeitet sie mit den Mitteln der Fotografie, doch spielt bei ihren Bildern der dokumentarische Anteil nur eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht die Bildgestaltung.

Karolin Back ist Künstlerin. Sie zeigt in Serien, worauf es ihr ankommt. Ein einzelnes Bild würde hier leicht in die Irre führen. Einzelfotografien gleichen nicht selten einem verstockten Kind.

Die Arbeiten der Frankfurter Künstlerin begünstigen nicht die verbreitete Meinung, mithilfe der Fotografie etwas über die Welt aussagen zu können. Sie verführen uns nicht zu glauben, wir könnten durch sie die Wirklichkeit besser erkennen. Backs Fotoarbeiten veranschaulichen vielmehr, dass wir uns bei der intensiven Betrachtung einer Sache mehr und mehr von der realen Welt entfernen und schließlich in ein merkwürdiges Grenzgebiet gelangen, das zu durchschreiten sich lohnen kann. Gelingt uns der Übergang auf die andere Seite, dann finden wir uns in einer scheinbar verkehrten Welt wieder, in der nun das Inhaltliche zum Formalen und das Formale zum Inhaltlichen geworden ist. Karolins Backs Fotografien dokumentieren also nicht Ereignisse, sie erzeugt und gestaltet diese. So stärken sie den Augensinn.

Nicht zuletzt beziehen auch die ausgestellten Naturbilder einen Teil ihre Darstellungskraft aus einer paradoxen Verschränkung. Auf der einen Seite ist ihr Realismus noch stark genug, um uns glauben zu lassen, wir erführen etwas über spezifische Gegebenheiten in der Welt. Auf der anderen Seite hingegen sind einige Arbeiten beinahe abstrakt zu nennen und offen für alle möglichen Projektionen des Betrachters.

Die charakteristische Verfremdung der Motive erreicht die Künstlerin, indem sie nacheinander Bilder derselben Situation mit vorher bestimmten Zeitabständen aufnimmt und diese im nächsten Arbeitsschritt miteinander kombiniert. Das erste der Bilder wandelt sie in ein Positiv um und legt es dann über das jeweilige Bildnegativ der Reihe. Die Bildstellen, die innerhalb dieser Zeitabstände unverändert geblieben sind, mischen sich in der Positiv/Negativ-Kombination zu einem neutralen Grau.

Der Rest aber bleibt unverändert sichtbar. So entstehen Fotografien, in denen sich Information und Bildgestaltung auf eine sinnverwirrende Weise verschränken. Das Motiv des ewigen Meeres mit dem immer gleichen Spiel des Wassers, aber auch die sich ständig wandelnden Wolkenformationen steigern die beinahe magische Kraft der großformatigen Arbeiten. Wahrscheinlich gibt es wohl kaum eine größere Antithese zum täglichen ratrace als die Betrachtung von Wellen und Wolken.

Wie auch immer man die Bilder von Karolin Back schließlich ästhetisch einschätzen mag, mir scheint, hier ist der Künstlerin etwas geglückt, was nur selten noch gelingt: Auf eine sinnlich, anschauliche Weise führt sie uns an allen einengenden Kategorisierungsklippen vorbei – wieder zurück ins Offene. Sozusagen.

Allein das aber wäre schon sehr viel.

Andreas Bee